6 Wochen segeln um Neuseeland: Ein Praxistest

„In sechs Wochen kannst du Kahu ganz allein segeln”, mein Partner T.A. überrascht mich immer wieder mit seinem schier unendlichen Optimismus. Der ist einerseits aufbauend, andererseits setzt er mich damit auch ab und an ganz schön unter Druck: In sechs Wochen unsere Segelyacht komplett allein navigieren lernen, kein Problem? Wir werden sehen.

Sechs Wochen – so lange sollte nicht nur mein angewandter „Segelkurs“ dauern. Sechs Wochen hatten wir Zeit, um unsere 8-Meter lange neuseeländische Raven „S.V. Kahu“ (Baujahr 1979) einem Praxistest zu unterziehen: Wie würden wir uns auf dem gerade erst erstandenen Boot zurechtfinden? Wie gut halten unser Nanni-Motor oder die trotz sorgsamer Pflege in die Jahre gekommenen Segel den teilweise 40-Knoten-Böen in Neuseeland stand? Bleibt das Plexiglas so trocken, wie die Proberunden und das genaue Abklopfen bei der Begutachtung vermuten ließen? Wie lange würden wir mit den beiden zwei-Liter-Gasflaschen an Board auskommen? Vor allem aber: Gehen wir uns auf so engem Raum nicht einfach gehörig auf den Nerv?

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Fragen wie diese galt es zu klären, schließlich sollten die sechs Wochen nur der Anfang sein: Einige Monate später, im neuseeländischen Sommer, wollten wir mit Kahu Neuseeland umsegeln.

Anders als mein neuseeländischer Partner T.A., in dessen Adern statt Blut Meerwasser zu fließen scheint, bin ich als Österreicherin eine Landratte. Gut, ich war in der Schullandwoche sieben Tage lang im Segelkurs am Attersee, hatte einige mehrtägige Bootstouren hinter mir, und war sogar auf dem Viktoriasee bei Kampala in Uganda gesegelt. Mit einer sechswöchigen Segelreise zu zweit ist das aber nicht zu vergleichen. Ganz zu schweigen von einer 4.000 Seemeilen langen Umsegelung Neuseelands, die im besten Fall drei Wochen, in unserem aber einige Monate dauern sollte.

Es waremap of 6 weeks sailingn hehre Ziele, mit denen wir im März diesen Jahres los zogen: Ausgehend von Tauranga in der Bay of Plenty ging es nach Tuhua (Mayor Island), über Slipper Island nach Hahei und Whitiganga, weiter über Great Mercury Islands nach Great Barrier Islands, dann zu Junction Islands, den Mokohinaus, Poor Knights, Cape Brett und schließlich in die Bay of Islands. Von dort mussten wir nach Auckland zurückkehren, damit ich in meinen „Heimaturlaub“ nach Österreich fliegen konnte.

Es ist eine Route, die Neuseeland-Cruisern das Wasser im Mund zusammenfließen lässt.
Auch wir mussten uns ein paarmal kneifend daran erinnern, dass die Schönheit unsere Wirklichkeit war. Zumindest für sechs Wochen. Da bestand unser Leben aus traumhaften Buchten, in die uns Delphine führten und in denen wir mit dem Konzert der Vögel einschliefen. Wir segelten durch so kitschige Sonnenuntergänge, wie sie jeder Hollywood-Film nicht besser hätte in Szene setzen können. Wir buddelten uns auf einem einsamen Strand einen kleinen Hot-Pool und blickten von dort schmusend aufs Meer. Wir verspeisten selbst gefangene Muscheln und Fische auf unserem Holztisch draußen im Cockpit und erzählten uns dabei Geschichten. In der Nacht hielt uns das faszinierende Leuchtspektakel des biolumineszierenden Meereslebens wach. Am Morgen bauten wir uns an Deck ein Nest aus Pölster, in dem wir unseren Kaffee tranken. Und dann waren da noch die kleinen Wanderungen zu Hügeln und Leuchttürmen, von denen wir sprachlos aufs blaue Reich vor uns starrten. All das hatten wir für uns allein. Kaum zu glauben, aber bis zum Segel-El-dorado Bay of Islands waren wir meist die einzigen Menschen weit und breit.

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Klingt nach romantischem Traumtrip?
War es auch.… manchmal. Aus der Illusion, dass Segeln ein Zuckerschlecken wäre, wurde ich schon auf unserer ersten Etappe nach Tuhua gerissen. Es war ein unsanftes Erwachen: Unser Autopilot ließ uns im Stich, zeigte einfach keine Richtung mehr an, und wir mussten uns schmerzlich eingestehen, dass wir uns einige Male im Kreis gedreht hatten. Lange nächtliche Überfahrten konnten wir uns somit auf diesem Trip abschminken; und bei längeren Tagespassagen schliefen uns schon mal die Arme ein, wenn wir ständig steuernd im Cockpit stehen mussten. Damit nicht genug: In den Poor Knights steckte unser Anker fest, und ausgerechnet am nächsten Tag brachten die knallharten Wellen unsere Kahu ganz schön ins Schwanken. Es war der einzige Moment, in dem wir uns seekrank buchstäblich auf dem Boden rollten. Dennoch hatten wir Glück im Unglück, denn die Poor Knights werden selbst bei miesem Wetter wie diesem täglich von Tauchausflüglern besucht. Ein Anruf bei „Diving Tutuka“ reichte, um eine Tauchflasche zu erhalten, mit der T.A. (der sonst natürlich die ganze Ausrüstung an Board hatte) die 40 Meter in die Tiefe tauchen und den Anker lösen konnte.
Das waren nur zwei der Herausforderungen, die es zu meistern galt. Nicht zu erwähnen die tropischen Stürme, Zyklopen oder starken Windböen, vor denen wir uns in Buchten schützen mussten und oft tagelang festsaßen. Sie standen genauso auf der Tagesordnung, wie die ewige Suche nach Internet. Dass Letzteres noch nicht einmal in den Häfen zu Verfügung stand – und/ oder sogar für Facebook-Messages zu langsam war, war eine bittere Enttäuschung.

Ja, die sechs Wochen hatten es als Praxistest durchaus in sich.

Das Ergebnis? Sicher ist, dass wir in Kahu eine kleine, aber extrem robuste Begleiterin gefunden haben. Mit seinen 1,93 Meter Körpergröße musste T.A. zwar den Kopf im hinteren Bereich einziehen, dennoch ist die Kabine selbst geräumig und bietet mehr Kopfraum als Andere des vergleichbaren Kalibers. Dass unser Motor mit 21 Pferdestärken und drei Zylindern ein stärkerer Antrieb ist, als der für Raven übliche 8-PS Single-Zylinder-Antrieb, hat uns ein gehöriges Stück weitergebracht. Wasser und Gas hatten wir zwar genug für einige Wochen. Für die Umsegelung planen wir dennoch, eine 9-Liter-Gasflasche an Board zu nehmen (vorausgesetzt, wir finden den Platz). Apropos aufstocken: Ein neuer Autopilot ist genauso ein Muss wie eine Solar-Decke für Extrastrom und eine Camping-Dusche.

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Wir haben definitiv dazu gelernt. Nicht nur, was die Ausrüstung angeht. Auch in zwischenmenschlichen Angelegenheiten: Wir hatten zwar Meinungsverschiedenheiten, über Board werfen wollten aber weder T.A. noch ich den jeweils anderen deshalb. Wir haben gelernt, dass es auf dem kleinen Raum einfach keinen Sinn macht, stundenlang zu schmollen. Schließlich sitzen wir buchstäblich in einem Boot.

Achja, und wer jetzt wissen möchte, ob ich Kahu nach den sechs Wochen selbstständig segeln kann: Nein, das würde ich mir das nach dem Praxistest nicht zutrauen. Dafür habe ich – gerade in den sechs Wochen – zu viel Respekt vor dem Pazifik gewonnen.

T.A. sieht das Ganze selbstverständlich anders. Optimistischer.

 

Es besteht noch Hoffnung, dass ich tatsächlich segeln lerne: Im Dezember startet unsere Neuseeland-Umsegelung, auf der wir in den Küstengemeinden Workshops zum Thema Meeresschutz halten. Wir werden auf dem Skipper-Blog darüber berichten. Mehr dazu gibt es auf unserer Website: http://www.nomadocean.org

Finanziell unterstützen kann man uns via http://patreon.com/nomadocean

Join the Journey. Doris & T.A. 

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