Segelboot, das bessere Tiny House

„Vermutlich waren Boote die ersten Tiny Houses“, unser Gast scheint zur selben Schlussfolgerung zu kommen wie wir, als wir unser “S.V. Kahu” vor einigen Monaten erstanden haben. Seitdem wir auf unser 8-Meter-Haus gezogen sind, bezeichnen wir unsere Raven26 als unser Tiny House: Der Name kommt nicht von ungefähr. Zumindest größenmäßig entspricht Kahu ziemlich den Vorstellungen eines Tiny House. Auch wenn es für Letzteres keine einheitliche Definition gibt, ein Gebäude unter 46 m² wird üblicherweise als Tiny House bezeichnet. Trifft.

Aber Kahu ist kein gewöhnliches Tiny House.

„Wenn Leute meinen: `Wow, ihr lebt aber auf kleinem Raum!`, sagen wir einfach nur: `Ja, das Haus ist klein, aber unser Garten ist einfach GROSSARTIG!`“, treffender als meine Freundin Jen aus Hawaii könnte ich es nicht ausdrücken. Unser großer blauer Garten ist wirklich atemberaubend, und ich würde ihn um kein Geld der Welt eintauschen wollen.

Unser großer Garten ist aber nur ein Grund für unsere Entscheidung, auf ein Tiny Boot zu ziehen. Eine Entscheidung, die wir bisher nicht bereut haben.

Vorteile eines Tiny House auf dem Ozean:

 -) Weniger ist mehr 

 

Es gibt wohl keine bessere Methode zu lernen, mit wenig auszukommen und das, was du hast zu genießen, als ein Tiny House. Schon bevor wir auf Kahu gezogen sind, waren mein Partner T.A. und ich fasziniert von der Idee des Minimalismus und von kleinen Häusern. Auch wenn mein Partner viel herumstehen hatte, war er nicht auf Besitz fokussiert und hielt sich nicht an den Dingen fest. Ihm fiel es dementsprechend leicht, alles Unnötige und Überschüssige zu verkaufen, zu verschenken oder zu spenden, sobald wir unser kleines Segelschiff hatten.

Für mich war das Loslassen von materiellen Dingen seit einigen Jahren schon Teil meiner Reise: Ich hatte mich darin geübt, loszulassen, wegzugeben und nicht anzuhaften. Gezwungenermaßen: Ich hatte meine Wohnung in Wien schon mehrfach untervermietet, wenn ich auf Reisen gegangen bin. Auf diesen, wie auch in der Zeit, als ich T.A. traf, lebte ich aus dem Rucksack. Zugegeben, der war ziemlich groß, aber eben doch nur ein Rucksack. 55 l sind zwar schwer zu tragen, aber es gibt wenig Platz für (zu) viele Klamotten, Kosmetika oder anderen Zeug.
Wir waren also in einer guten Position, in ein Tiny House zu ziehen. Dennoch waren und sind wir bis heute überrascht davon, wie viel Lagerraum auf Kahu vorhanden ist. Besonders verglichen mit anderen Segelbooten in ihrer Größe, ist Kahu ziemlich geräumig und hätte durchaus Platz für mehr. Mehr wollen wir aber gar nicht, sondern denken im Gegenteil immer wieder darüber nach, mehr oder mehr loszuwerden – wir brauchen einfach nicht sehr viel. Und letzten Endes benutzen wir immer dieselben Dinge, tagein, tagaus.

Abgesehen davon stimmt die alte Weisheit durchaus: Je weniger du besitzt, desto weniger besitzt dich.

 -) Freie Platz-Wahl 

Als T.A. und ich nach unserem künftigen Lebensraum Ausschau hielten, dachten wir erstmal gar nicht nur an ein Schiff. Anfänglich träumten wir von einer kleinen Community aus Containern, Earth- und Baumhäusern. Eine gute Idee, aber die Frage nach dem WOHIN blieb offen. Genau das ist eine der Hürden der Tiny House-Bewegung, so Wikipedia, denn es gäbe wenige Grundstücke, auf denen das Platzieren eines Tiny Houses erlaubt wäre, und Parken, Abstellen oder Ähnliches kann selbst auf seinem eigenen Grundstück verboten sein, vom öffentlichen Raum ganz zu schweigen. Wir hätten also immer noch ein Grundstück kaufen oder mieten müssen. Das ist in Neuseeland nicht die einfachste Aufgabe, denn trotz der Weite des Landes, ist – erschwinglicher – Raum Luxus: In Auckland etwa stiegen die Hauspreise um NZD 15.000 innerhalb von nur zwei Monaten.

Unser Spielplatz ist einfach ein Traum!

Doch selbst wenn wir uns ein Grundstück leisten hätten können, bliebe noch immer eine Herausforderung: Wir hätten nicht reisen können. Ich hatte meine Heimatstadt Wien vor einigen Monaten nicht dafür verlassen, um jetzt in der neuseeländischen „Pampa“ festzusitzen. Und nachdem ich bereits einige Monate hier in Papamoa in der Bay of Plenty gelebt hatte, plagte mich mein Reisefieber enorm. Mit unserem mobilen Tiny House ist dieses Problem ganz einfach gelöst: Wir können unseren Spielplatz jederzeit und so schnell wir möchten ändern, wir können je nach Lust und Laune (okay, und je nach Wetterlage) wählen, wo wir bleiben. Das Potenzial zu reisen ist schier endlos.

 -) Finanzfreundlich  

Kleinere Häuser ist naturgemäß weniger kostspielig wie größere Gebäude, nicht nur beim Erbauen, sondern auch in der Erhalten. Während Boote zweifellos wahre „Geldfresser“ sind und wir schon ein wenig in Kahu investieren mussten, sind diese Kosten vergleichsweise gering: An Land hätten wir fürs tägliche Leben mehr ausgegeben. Außerdem gibt es in Neuseeland unglaublich viele wundervolle Buchten, in denen man ganz umsonst ankern und Zeit verbringen kann.

-) Kreativitätsschub 

Nur einer der Plätze unseres Tisches.

Nur einer der Plätze unseres Tisches.

Segler und Menschen, die das Leben auf kleinem Raum bevorzugen, haben etwas gemeinsam: Sie sind Bastler und Selber-Macher. Sie haben die Einstellung, aus Wenig etwas Großes zu schaffen. Wenn wir segeln und draußen am Ozean sind, können wir nicht einfach so auf die Schnelle einen Mechaniker oder Elektriker rufen. Wir müssen uns selbst helfen, mit dem, was gerade an Bord ist. Reparieren und Wiederverwenden statt Ersetzen, so lautet das Motto. Außerdem haben wir gelernt, unser Tiny House so funktional wie möglich zu gestalten – und haben da oft richtige Kreativitätsschübe erhalten. Unser Holztisch zum Beispiel besteht nicht nur aus der Kleidertruhe, die T.A.s Britische Ahnen auf die Reise von England nach Neuseeland mitgenommen hatten, er lässt sich mittlerweile auch auf 5 verschiedene Arten platzieren. So viele haben wir bisher gefunden, aber es werden laufend mehr…

-) Off-grid

In den letzten Jahren ist der Trend zum Tiny House nicht nur deshalb gewachsen, weil wir uns der knapper werdenden Ressourcen bewusst werden. Auch der Wunsch nach Unabhängigkeit vom System und von staatlicher Einflussnahme hat sicher dazu beigetragen. Seinen eigenen Strom zu genieren, Wasser zu gewinnen, keine Miete zu zahlen, all das scheint der Traum von vielen zu sein. Mit einem Segelboot wie Kahu geht das auf verschiedene Art und Weise: Wir generieren Elektrizität mit unserem Solar-Panel, wir gehen dorthin, wo der Wind uns hintreibt, und ernähren uns von dem, was der Ozean abwirft. So zumindest die Idealvorstellung. Natürlich sind wir nicht ganz unabhängig – zumindest noch nicht: Wir haben einen Dieselmotor, haben leider nur Platz für 2x2l Gasflaschen für unseren Herd, und der Wassertank hält nur 150 l Wasser.

Den Traum vom Elektromotor und Watermaker haben wir aber noch nicht aufgegeben. Wer uns bei der Verwirklichung finanziell unter die Arme greifen möchte, kann das gern tun > Wir sind ewig dankbar.

-) Natur pur: 

Für uns ist unser großer Garten, den ich eingangs erwähnt habe, sicher einer der Hauptgründe für das „große kleine Leben“. Wenn du der Natur so nahe bist, ihr so ausgeliefert bist, wie wir auf unserem Segelschiff, dann möchtest du dieser Natur alles Andere als schaden. Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass wir aber genau das noch immer tun: Wir produzieren Müll, entsorgen unsere menschlichen Abfälle, unser Motor stößt CO2 aus, … die Liste ist lang. Dennoch hinterlassen wir in unserem Tiny House sicherlich kleinere Fußspuren als viele andere und versuchen ganz bewusst, unseren Konsum gering zu halten. Wir bemühen uns, immer besser zu werden – Schritt für Schritt.

Das sind nur einige Gründe, warum unser Segelboot das bessere Tiny House ist.

Auch wenn manche Leute – inklusive T.A.s Vater – uns immer wieder empfehlen, für unsere Umsegelung ein größeres Schiff zu kaufen, möchten wir sie ganz bewusst auf Kahu erleben. Es gibt gerade nichts Größeres als das Leben auf unserem kleinen Boot auf dem weiten Ozean.

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