Wir setzen die Segeln (und was der Umweltgerichtshof damit zu tun hat)

Alles kommt zu dem von selbst, der warten kann, heißt es. Das Warten konnte ich in den letzten drei Monaten üben wie kaum zuvor. Ob ich es nun meisterlich beherrsche, das sei jetzt einmal dahingestellt. Eines ist unbestritten: ich habe gewartet, gewartet und gewartet – auf diesen Tag. Auf den Tag, an dem wir die Segel setzen und unsere Neuseeland-Umsegelung starten.

IMG-1575

Es ist ein Tag, der für meinen Geschmack zu oft verschoben wurde. Aus gutem Grund, wohlgemerkt: Mein Partner T.A. hat in den letzten vier Jahren hat T.A. als technischer Berater für den „Motiti Rohe Moana Trust (MRMT)” gearbeitet, der von den indigenen Ältesten der Insel Motiti gebildet wurde. Es ist eine Insel mitten im Pazifik, rund 10 nm von der Küste der Bay of Plenty entfernt, mit der T.A. über 19 Generationen von Whakapapa (Genealogie) verbunden ist. Und wenn jemand über Warten und Beharrlichkeit Bescheid weiß, sind es die Maori des MRMT: In den letzten neun Jahren haben sie alles dafür getan, um ein Ziel zu erreichen: Sie wollten in der Lage sein, ihre “Rohe Moana”, ihren Ozean, ihre Riffe und Küsten vor den negativen Auswirkungen von Überfischung, destruktiven Take-out-Methoden und Umweltverschmutzung zu schützen. Kurz gesagt: Sie wollten in der Lage sein, ihre Verantwortung der Natur gegenüber wahrzunehmen und Kaitiakitanga (Wächter- / Treuhandschaft) zu praktizieren.

Nachdem sie nach langem eine Erklärung durchgefochten hatten, die es Kommunen auf lokaler Ebene ermöglicht, die ökologischen, sozialen, indigenen und intrinsischen Werte ihrer Umwelt im Rahmen des Regional Management Acts zu schützen, konnte der MRMT vor ein paar Wochen den letzten Schritt wagen: Vor dem Umweltgerichtshof von Neuseeland hat gegen die Regionalbehörde eine Klage eingebracht und einen innovativen Ansatz für eine Meeresschutzzone rund um Motiti vorgeschlagen, der von T.A. und seinen Stammesmitgliedern entwickelt wurde.

Das vorgestellte Konzept basiert sowohl auf kulturellen wie auf ökologischen Aspekten. Es besteht aus einer Mischung zwischen

Wahi Tapu, Bereichen von hohem kulturellem Wert, in denen innerhalb von 1 nm No-Take stattfinden sollte

Wahi Taonga, Buffer-Zonen, in der eine „angemessene Nutzung” des Meeresraums möglich sein sollte. Dh. z.B. Hobbyfischen ja, industrielle Fangmethoden wie Schleppnetzfischerei, die nachweislich den Meeresboden schädigen, nein.

Di Lucas Landscape architects & associates

Dieser integrierte Ansatz könnte viele Herausforderungen aktueller Meeresschutzgebiete lösen: Während die Implementierung von Meeresschutzgebieten in Neuseeland etwa in der Regel bis zu acht Jahre dauert, könnte das Modell sofort getestet werden. Darüber hinaus befinden sich größere Meeresschutzgebiete in der Regel Tausende von Meilen von der Zivilisation entfernt. Aber „Menschen sollten Zugang zu Meeresschutzgebieten haben”, argumentiert Roger Grace, “damit zukünftige Fürsprecher es nutzen und eine Beziehungen zum Meer aufbauen können.” Genau dies will der Ansatz von MRMT bieten: Angemessene Nutzung statt Entfremdung vom Meer ist der Schlüssel. Wie diese angemessene Nutzung aussieht, soll von der Gemeinschaft für alle Teile der Gemeinschaft gleichermaßen entschieden werden – von der kommerziellen Industrie über Maori bis hin zu Sportfischern. Die entwickelten Regeln und Methoden sollen dabei anhand wissenschaftlicher Indikatoren wie dem Ausmaß von Kina Barren, Fischverhalten oder anderen beschlossen werden. Ihr Erfolg wird laufend mit dem „Mauri-Modell” (Mauri = Lebenskraft), einem von Dr. Kepa Morgan von der Auckland Universität entwickelten Leistungs-Modell, gemessen. Dabei werden sowohl soziale, wirtschaftliche wie auch ökologische Performance der Regeln überprüft, damit diese in weiterer Folge verbessert werden können.

Mit diesem ganzheitlichen Konzept möchte die Insel Motiti zum Musterbeispiel eines lebendigen, gesunden Ozeans werden. Vorausgesetzt, die Entscheidung des Umweltgerichtshofs im April 2018 fällt zugunsten des Vorschlags aus. Die Zeichen dafür stehen gut. Doch das entwickelte Modell bietet noch eine viel größere Chance: Die Übertragbarkeit des Ansatzes auf andere Küstengemeinden in Neuseeland und später über die Pazifikinseln in die ganze Welt. Der Bedarf ist da, stehen wir alle doch vor ähnlichen Herausforderungen, wenn es um den Schutz der Meere geht.

Und hier kommt unsere Neuseeland-Umsegelung ins Spiel: Unser Ziel ist es, nicht nur den Ozean für uns selbst zu genießen (auch wenn wir das in den nächsten Monaten bis April durchaus vor haben). Vor allem möchten wir Küstengemeinden dabei helfen, aktiv als Schützer „ihres Meeres vor der Haustür“ im Einsatz sein zu können und Kaitiakitanga zu praktizieren. So werden wir nach einer kleinen Pause ab Januar etwa in Gesprächen und Vorträgen das Wahi Tapu/ Wahi Taonga-Modell präsentieren und Möglichkeiten aufzeigen, wie sie den Ansatz auch für ihre Region nutzen können.

Der Tag ist gekommen: Wir segeln endlich los – und was könnte angemessener sein, als den ersten Stopp unserer Umsegelung auf Motiti einzulegen? Nach einer Nacht dort planen wir zur vulkanischen White Island und dann Richtung Süden zu segeln…

Zumindest ist das der aktuelle Plan. Ob uns der Wind wirklich in diese Richtung bläst, kann man auf unserer Website http://nomadocean.org, auf Instagram und in unserer Facebook-Gruppe verfolgen. Und natürlich hier auf skippers.

No Replies to "Wir setzen die Segeln (und was der Umweltgerichtshof damit zu tun hat)"

    Leave a reply

    Your email address will not be published.