Sie nannten ihn “auf den letzten Drücker”

Tag 1)

„Kia ora te marino,
may the calm be widespread
Kia whakapapa ponumanu te moana
let the sea be polished like greenstone
Kia tere te karohirohi I mua
I te huarahi kei mua I a koe
May the pathway ahead of you sparkle before you
kia pai te haere
May you go well!“

dieser Segen (Karakia Timatanga, traditionelles Anfangs- bzw. Schlussgebet vor einem Meeting oder Projekt wie dem Unsrigen etc.) von T.A.s Vater erreicht uns in einem der unzähligen SMS, die sein „old man” (wie in Neuseeland Väter bezeichnet werden). Auch ihm scheint der Abschied schwer zu fallen – oder vielleicht hat auch er bis zum Schluss nicht damit gerechnet, dass wir tatsächlich lossegeln.

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Mir ging es nicht Anders.

Gestern Abend noch schien unsere Abreise in weiter Ferne, ja schier unmöglich zu sein. Zuviel war noch nicht erledigt worden: Unser Autopilot war noch nicht installiert, vom Depth Sounder ganz zu schweigen. Der Wassertank musste genauso noch gefült werden wie unsere Dieselration.

„Das mache ich morgen früh”, so lauteten T.A.s Worte, wenn ich wieder einmal mit meiner berüchtigten Ungeduld gedrängt hatte, endlich diese Dinge in Angriff zu nehmen. Und: „Es geht sich alles aus.” Es sind genau die Worte, die mich zur Weißglut bringen. Auch wenn ich mittlerweile wissen sollte, dass “in letzter Minute” der zweite Vorname meines Partners sein könnte.

„In seiner Schulzeit hat er mir oft morgens um 6.00 verkündet, dass er zwei Stunden später eine Projektarbeit abzugeben hätte. Die musste aber noch geschrieben werden”, Geschichten vom kleinen T.A. wie diese hat sein Vater zur Genüge auf Lager.

IMG_1931 copyAuf den letzten Drücker war damals wie heute ein Konzept meines Partners – ein Konzept, mit dem er zwar immer wieder die Nerven seiner Weggefährten strapaziert, das aber offensichtlich funktioniert. So auch heute.

Um 5.00 Uhr früh hatte er – unter Murren (“ich hasse es, Löcher ins Boot zu bohren”) – die Elektronik für den Autopiloten verlegt und den Depth Sounder installiert. Ja, er hatte sogar noch Zeit, am Auto seiner Mutter herumzubasteln und die Seelenruhe, mir ein Frühstück im Café der Marina vorzuschlagen. „Es ist schließlich das letzte Mal.” Tatsächlich saßen wir wenige Minuten später im „Last Gasp” bei Smoothie Bowl und Burger. Von richtigem Genießen kann aber keine Rede sein: Um 10.00 Uhr sollten wir schließlich los, um das Zeitfenster bis zur Ebbe um 11.52 Uhr zu nutzen und mit der Flut aus der Marina rauszukommen.

Mit einer 30minütigen Verspätung kamen wir endlich vom Dock los. Doch nicht, um die Marina zu verlassen. Nein, wir mussten noch zum Tankdock, um Diesel aufzufüllen.

„Es akzeptiert meine Kreditkarte einfach nicht”, beim zweiten Versuch, meine Visa-Karte zum Bezahlen am Tankdock zu verwenden, hatte ich plötzlich ein Déjà-Vu: Als wir im März vor unserer 6-wöchigen Segeltour in der Marina von Tauranga Diesel tanken wollten, war uns doch Ähnliches passiert. Die Tankstation scheint eine ausländische Kreditkarte wie meine einfach nicht zu akzeptieren. Damals waren wir so spät dran, dass wir die Flut nicht mehr nutzen konnten und so in Matakana, der Insel vor dem Kanal, übernachtet hatten. Würde uns das diesmal wieder blühen?

Wir hatten Glück: T.A.s Vater war noch in der Nähe der Marina und kam uns mit Bargeld zu Hilfe. Ich konnte es nicht fassen, aber nach unzähligen Termin-Verschiebungen, Zittern und Bangen ging es tatsächlich los. Nicht irgendwann, sondern JETZT.

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Die Bedingungen für diese erste Etappe hätten nicht besser sein können: Nur einmal mussten wir das Segel setzen, dann bewies der eben installierte Autopilot, dass er jeden Cent wert war. Bei Nordwinden, strahlendem Sonnenschein (zur Abwechslung, denn der ist im sogenannten Sommer Neuseelands eher eine Ausnahmeerscheinung) und um die 5,5 Knoten waren wir innerhalb von drei Stunden an unserem ersten Ankerplatz. Dass es sich dabei um die Bay Kanaihi auf der Südseite der Insel Motiti in der Bay of Plenty handelte, war kein Zufall. Wir wollten unsere Reise bewusst auf der Insel starten, mit der T.A. nicht nur über Generationen von Whakapapa (Genealogie) verbunden ist, sondern für die er auch als technischer Berater des Motiti Rohe Moana Trusts das „Taonga-Modell für Meeresschutz” entwickelt hatte. Es ist dieses integrierte Modell, das wir auf unserer Reise in den Küstengemeinden Neuseelands verbreiten und bekannt machen wollen. Mehr dazu hier >>

„All das wird in Zukunft zum Wahi Tapu no-take Gebiet gehören”, erklärt mir T.A., während wir die letzten paar Seemeilen zu unserem Ankerplatz segeln, „der gesamte Bereich von der Mitte der Südseite der Insel aufwärts ist Wahi Tapu.” Mir raubt es fast den Atem. Ich hatte das Konzept natürlich schon auf dem Papier gesehen, doch in Natura ist es noch beeindruckender. Wird all das tatsächlich Meeresschutzgebiet, möchte ich hier in ein paar Jahren Taucher sein: Das Naturschauspiel und der Reichtum des Meereslebens würden Seinesgleichen suchen. Es ist ein Traum, der unsere Neuseeland-Umsegelung begleitet – und einer, der uns heute in unserer ersten Nacht zufrieden einschlafen lässt.

motiti

„Kia ora te marino,
may the calm be widespread
Kia whakapapa ponumanu te moana
let the sea be polished like greenstone
Kia tere te karohirohi I mua
I te huarahi kei mua I a koe
May the pathway ahead of you sparkle before you
kia pai te haere
May you go well!“

Unsere gesamte Segelreise und ein Update der Stationen findet man unter www.nomadocean.org

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