Auf den Spuren der Māori Waka

Tag 3 – 8)

„Genießt Hicks Bay, es ist ein magischer Ort“, ich verschlucke mich fast an meinem Wasser, als ich die SMS von T.As. Vater lese. Magisch?! Hicks Bay ist eher verhext. Seitdem wir vor ein paar Tagen in der Bucht angekommen sind, hatten wir zwei durchwachte Nächte: Zuerst hatte uns der Nordwind bei 45 – 50 Knoten (statt der angekündigten 25 Knoten) durchgepeitscht, dann der Südwind, vor dem wir uns eigentlich hier verstecken wollten. Dazu kam der hohe Wellengang und die stürmische See. Nein, Hicks Bay war alles Andere als magisch. Und doch war sie derzeit unsere einzige Option: Wir konnten aufgrund der Wind- und Wellenverhältnisse nicht aus der Bucht heraus, auf Hoher See gab es laut MetService 5 Meter hohe Wellen. Nein, danke.

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So unangenehm und unruhig Hicks Bay auch ist, ist sie doch unsere Zuflucht. Ähnlich müssen sich auch die Polynesischen Stämme gefühlt haben, als sie in ihren Wakas nach Neuseeland gesegelt sind. „Hicks Bay war der letzte Ort, an dem sie in Neuseeland landen konnten“, erklärt T.A.s Vater, „wenn man Hicks Bay verpasst hatte, dann waren die nächsten Stationen Rekohu Chathams, Südamerika oder Antarktika.“ Kurz: Wenn man Hicks Bay verpasst hatte, standen lange, lange, lange Stunden auf dem Ozean bevor.

Hicks Bay war auch buchstäblich der Rettungsanker auf einer etwas moderneren Waka-Reise: 1985 erfüllte sich Greg Matahi Whakataka-Brightwell einen Traum. In seinem selbstgebauten Waka „Hawaiki Nui“ segelte er mit einer fünfköpfigen Crew von Tahiti nach Gisborn/ Neuseeland, wo er im Dezember nach einer Katastrophentour – von gebrochenem Mast bis stürmische See war alles dabei – ankam. Damit wollte er beweisen, dass die langen Segelpassagen der Polynesier nicht nur Legende, sondern tatsächlich wahre Geschichte waren. Doch nach seiner Ankunft in Gisborn merkte die Crew, dass keiner unter ihnen bisher um die Ostküste Neuseelands gesegelt war. Sie baten um Hilfe und wurden von einem Trawler in die Hicks Bay geschleppt. Dort beendeten sie ihre dramatische Reise. „Wir waren zuhause und haben übers Radio zitternd mitverfolgt, wie sie in Hicks Bay gelandet sind“, berichtet T.A.s Vater.

Für uns bedeutet Hicks Bay noch lange nicht das Ende, schließlich wollen wir weiter auf die Südinsel Neuseelands. Hicks Bay ist bloß eine Zwischenstation.1069088

Tag 3)

Nachdem heftige Nordwinde angekündigt waren und wir in White Island zu wenig Schutz hatten, verließen wir die Vulkaninsel schon am Morgen unseres dritten Tages. Wir wollten zur Te Kaha Bay, rund 27 Seemeilen entfernt. Anfangs gab es Windboen aus Nord-Osten und rund 1,5 Meter hohe Wellen, aber bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 4,5 Knoten kamen wir um 15.30 Uhr in der Te Kaha Bucht an.

Obwohl es erst nachmittags war, war es schon ziemlich dunkel und kalt – von wegen, Sommer in Neuseeland. Die Küste wirkte verlassen, und das teuerste Hotel der Ostküste, das ausgerechnet hier vor mehreren Jahren gebaut und trotz Helikopterlandeplatz offensichtlich nicht seine Nische fand, erinnerte an ein Geisterhaus. Nur das Muhen der Kühe war zu hören.

Tag 4)

1069065Am nächsten Morgen tranken wir gerade Kaffee, als T.A. in der Ferne einen Orca (Schwertwal) erspähte. Ich hätte ja gar nichts gesehen, aber mein Meeresbiologe hat Augen wie ein Adler. Natürlich haben wir die Chance genutzt, statt wie geplant auf den Nordwind zu warten, die Bucht sofort Motorsegelnd zu verlassen und den Orcas zu folgen. Tatsächlich haben wir die Schule, die aus zwei Jungen und zwei Erwachsenen bestand, bald eingeholt und konnten die Riesentiere aus der Ferne beobachten. „Es gibt sechs Schulen hier am Ostkap“, erklärt T.A., „zwölf in Neuseeland. Wir haben Glück, dass Junge dabei sind, die nur 10 Sekunden unter Wasser sein können, sonst wären sie zu schnell für uns.“ Die Wale waren nicht die einzige Attraktion: Fliegende Fische sprangen aus dem Wasser, und generell konnten wir überraschend viele Fisch- und Vogelschwärme bewundern. Hier macht sich die Abgeschiedenheit der Ostküste bezahlt, entlang dieser nur vereinzelt Maori Siedlungen zu finden sind: Für Fischer ist es zu mühsam, hierher zu fahren. Das gilt aber offentbar nicht für die Krebsfischer, sie haben ihre Fallen auch hier verteilt. Es sind übrigens die Fallen, die oft auch Schwertwalen zum Verhängnis werden…

Es war ein guter Morgen, wenn auch nicht fürs Segeln: Der Wind kam und kam nicht, also haben w1069089ir die ganze Strecke bis Tihirau/ Tikirau mit dem Motor zurückgelegt. „Hier befindet sich die östliche Grenze des Mataatua Waka“, erzählt mir T.A. die Geschichte eines der größten Kanus, das von Polynesien nach Neuseeland migriert ist und von dem auch er abstammt, „die Menschen, die mit diesem Waka gekommen sind, haben sich zwischen hier und Waihi Beach angesiedelt. Also in der gesamten Bay of Plenty.“ Wo einst vermutlich eine ziemlich große Maori-Siedlung lag, befinden sich heute in Tihirau einige wenige Häuser. „Die meisten Maori fielen der Spanischen Grippewelle zwischen 1918 und 1920 zum Opfer“, weiß T.A.. Doch das Dorf zieht mich zugegebenermaßen weniger an als die beedruckende grüne Hügellandschaft. Zu gern wäre ich an Land gegangen und herumgewandert, doch keine Stunde nach unserer Ankunft prasselte schon der Regen auf uns herunter und wir sahen bloß noch Grau-in-Grau.

Tag 5)

Grau in Grau bleibt es auch am nächsten Tag, als wir mit durchschnittlich 4,5 Knoten Richtung Hicks Bay segeln. Die steilen Küsten und Berge an Land können wir vom Ozean aus nur erahnen. Es ist ein komisches Gefühl.

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Dementsprechend ereignislos ist unsere Reise – und als wir um kurz vor 16.00 Uhr im Süden der Bucht den Anker legen, sind wir dankbar, für die nächsten Tage vor den angekündigten Stürmen und hohen Wellengängen geschützt zu sein.

Ein Trugschluss.

Drei Tage später können wir es dementsprechend kaum erwarten, Hicks Bay wieder zu verlassen. Magie hin oder her.

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Unsere gesamte Segelreise und ein Update der Stationen findet man unter www.nomadocean.org

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