Sturmwarnung

“Liebling, wir rutschen ab. Der Anker hält nicht mehr!”, eine Aussage wie diese sorgt schon unter normalen Wetterbedingungen für Unruhe. Erst recht, wenn man nach einer unruhigen Nacht in 40-50 Knoten (80-100 Km/h) Windböen ausgesetzt ist.   

Schon die letzten sechs Stunden hatten wir uns mehr in unserer Kabine herumgewälzt als geschlafen. Der angekündigte Typhoon Fehi war mit größerer Wucht eingetroffen als gedacht, und die Bucht, in der wir geankert hatten, erwies sich als nicht gerade ideal. Zwar schützte sie – wie erwartet – vor dem Wellengang, doch der Sturm selbst ließ sich von den Hügeln an der Küste nicht abhalten.

„Wir hätten unserem ursprünglichen Plan folgen und auf der anderen Seite anlegen sollen“, zugegeben für solche reumütigen Aussagen oder Gedanken war es jetzt zu spät. Und in diesem Augenblick war auch keine Zeit dafür.

T.A. stand schon im Cockpit: Dass wir den Halt verloren, hatte nämlich nicht nur Auswirkungen auf uns. Wir ankerten vor einem Backpacker-Boothostel „Aquapackers“ und waren diesem schon gefährlich nahe gekommen. Das wurde natürlich auch dort bemerkt. Der Skipper war schon ins Beiboot gesprungen und deutete wild auf eine Stelle etwas weiter nördlich. Wir sollten  doch die Anlegeboje nehmen.

Gute Idee, doch wir mussten erst dorthin gelangen.

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Ich hatte mir in der Zwischenzeit auch meine Segeljacke übergeworfen, um vom Regen nicht ganz durchnässt zu werden. T.A. lief vor zur Ankerwinde, ich übernahm das Ruder. „Steuere in den Wind“, gab mir mein Kapitän strikte Anweisung. Ja, klar, doch die Sturmböen machten diese einfache Aufgabe schier unmöglich. Immer wieder musste ich den Gang einlegen, um nicht ganz abzudriften und wieder auf Spur zu gelangen. T.A. mühte sich in der Zwischenzeit mit dem Anker ab.

Endlich war der hochgezogen, und ich konnte in die Richtung steuern, in der der Skipper des Boothostels schon auf uns wartete- und wo die Anlegeboje war. Ich klammerte mich an die Reeling, während T.A. zum Bug lief, um die Bojenleine zu fassen, die der Skipper schon aus dem Wasser gezogen hatte, Shit, verpasst. Wir mussten den Retourgang einlegen, all das während die Wellen auf uns klatschten und der Regen auf uns niederprasselte. Sicht: null. Beim zweiten Versuch klappte es endlich. Wir waren an der Anlegestelle. Sicher. „Sie hat schon 45 Ft-Boote ausgehalten“, rief uns der Skipper noch ermutigend zu, bevor er sich wieder zu seinem Hostelboot aufmachte.

Es war 8.23 Uhr morgens. Der Tag konnte kommen…

24 Stunden später sitze ich im Cockpit und tippe diese Zeilen. Ich versuche, die Erfahrung in Worte zu fassen – es ist eine schier unmögliche Aufgabe. Der gestrige Tag, Typhoon Fehi zählt sicher zu einer der extremsten Erfahrungen, seit wir an Bord von Kahu sind. Dabei hatten wir schon einige Extremsituationen überstanden, zahlreiche Stürme unterschiedlicher Stärke in Häfen und Buchten erlebt. Die Erfahrung hatte uns Letztere bevorzugen lassen.

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Stürme kannten wir wirklich zur Genüge. Mit einem Sturm nahm alles seinen Anfang. Denn im März letzten Jahres war ich ausgerechnet während des Typhoons „Debbie“ nach Neuseeland zurückgekehrt. T.A. hatte Kahu in Devonport nahe Auckland geankert, und der Plan war, mit der Fähre nach Devonport zu gelangen. Von dort wollte mich T.A. mit dem Beiboot abholen und an Bord bringen – zum ersten Mal. Daran war bei meiner Ankunft in Devonport jedoch nicht zu denken: Der Sturm hatte eingesetzt und damit auch die Regengüsse, die jegliche Fortbewegung im Freien unmöglich machten. Von Rudern ganz zu schweigen. Ich war am Verzweifeln. Ich konnte nicht im Fährenhafen bleiben, konnte T.A.nicht erreichen. Hotelzimmer waren nicht mehr aufzutreiben. Was tun? Ich sah mich schon auf der Straße, als plötzlich ein triefendes Etwas in Schwimmweste vor mir stand und meinte: „wir müssen los!“ T.A. war in einer Wahnsinnsaktion IMG_3029ans Ufer gerudert. Noch wahnsinniger, dass wir jetzt wieder 20 Minuten zurückrudern mussten. Ich hatte mein Gepäck dabei, es regnete, nein, es goss wie aus Kanistern, die See war rau, der Sturm bließ uns ins Gesicht und wir sahen nichts… Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie wir es auf Kahu geschafft hatten. Heil und ganz wohlgemerkt.

„Braucht ihr Wasser oder seid ihr versorgt?“, reißt mich eine Stimme aus der Erinnerung. Der Skipper von gestern in seinem Beiboot. Nein, danke, wir sind versorgt. Außer ein paar Angelhaken und einem Plastikdeckel hatten wir nichts verloren, und auch das Geröll und die Baumstämme, die gestern wie heute vom Sturm ins Meer geschleudert wurden und dort neue Gefahren für Boote darstellen, haben uns nichts ausgemacht.

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Alles zurück zum Normalbetrieb?! Die ersten Fähren und Wassertaxis, die Touristen gerade in die Bucht bringen, lassen es vermuten. Doch der gestrige Tag hat Spuren hinterlassen: die Nachbaryacht hat ihr Sonnendeck verloren; die Bootsrampe an der Küste, die wir Tags zuvor noch bewundert hatten, ist zerstört, und der Campingplatz in der naheliegenden Bark Bay ist angeblich dem Erdboden gleichgemacht, und auch der Hafen in Nelson soll zerstört sein. „Die Aufräumarbeiten werden dauern“, so der Skipper, der sich bereits wieder auf eine Gästegruppe vorbereitet. Ob sie kommt, ist noch unklar: Sie waren mit der Fähre aus Wellington unterwegs und noch ist nicht sicher, ob diese in der vorigen Nacht überhaupt in Betrieb war.

Alles zurück zum Normalbetrieb?!? Ja, bis die nächste Sturmwarnung kommt. Sie kommt bestimmt.

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