Küstenwache S.O.S.

“Coastguard, coastguard, coastguard this is S.V. Kahu. We need assistance.” Mit diesen Worten endete unser Versuch, von Abel Tasman die erste Etappe entlang der Westküste Richtung Nordinsel zu gelangen. Es war ein abruptes Ende. Eines, das wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen wollen.

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Dabei war alles so gut gelaufen. Am Vortag hatten wir die spontane Entscheidung getroffen, das günstige Wetterfenster der nächsten Woche zu nutzen, um die ersten 120 Seemeilen unseres langen Heimwegs nach Auckland in Angriff zu nehmen. Ursprünglich wollten wir zuvor noch in der Golden Bay unsere Diesel- und Wassertanks füllen. ‚Das können wir aber genauso in New Plymouth in Taranaki machen‘‘, hatten wir einen Geistesblitz. Internet Recherchen hatten zwar gezeigt, dass es dort keinen Yachthafen gibt. In einem der größten Häfen des Landes aber wäre Diesel und Wasser sicher vorhanden und noch dazu günstiger als in der Golden Bay. Außerdem hätten wir dann immerhin schon die ersten 120 Seemeilen unserer über 500 Seemeilen langen Strecke an der Westküste gemeistert. Die Argumente klangen zu gut. Was sich allerdings in der Theorie fantastisch anhörte, sollte sich als ziemliche Schnapsidee entpuppen. Aber dazu später.

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Anfangs lief alles wie am Schnürchen: die ersten 10 Stunden mussten wir zwar wegen fehlenden Windes per Motor zurücklegen, doch früh am nächsten Morgen setzte der versprochene Nordostwind ein. 15-20 Knoten, die uns trotz des hohen Wellengang in die richtige Richtung schoben. Einmal die Segel gesetzt, mussten wir nicht mehr viel tun. Gut, so konnten wir uns auf die Landschaft konzentrieren: Aus Neugierde hatten wir den Weg nahe der Küste gewählt, um die Ölfelder von Taranaki zu sehen. In der Dunkelheit gleichen diese psychedelischen Partyinseln, die uns blinkend den Weg wiesen (bzw zeigten, welche Gebiete zu meiden waren). Bei Tagesanbruch waren wir schon auf der Höhe bereits ausrangierter Bohrinseln, die groß und mächtig aus dem Ozean ragten.

Auf der anderen Seite kam schon bald die Küste in Sichtweite, die vor allem vom Vulkan Mount Taranaki dominiert wird. Mit 2517 Meter Höhe zählt er zu einem der gefährlichsten Berge Neuseelands, der pro Jahr mehrere Todesopfer fordert. T.A. hat Mount Taranaki zweimal bestiegen und weiß warum: Aufgrund seiner Nähe zum Meer ist er Wetterschwankungen ausgesetzt, die gerade Touristen des Öfteren unterschätzen. Außerdem ist die letzte Etappe bis zur Spitze eine echte Kletterpartie, auf die Wenige vorbereitet sind.

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Um 17.00 Uhr rissen uns plötzlich eintreffende Windböen von 35 – 40 Knoten aus unserem friedlichen Lauf.“Wir müssen die Segel reffen”, kommandierte mein Kapitän geistesgegenwärtig. Ich kletterte in die Kabine und schaltete rasch den Motor ein, um in den Wind zu segeln und gegen die Wellen und Böen anzukämpfen. T.A. zog seine Rettungsjacke an, klammerte sich an die Reeling und sprang an Deck, um das Segel zu reffen. In der Zwischenzeit versuchte ich mehr schlecht als recht, in den Wind zu steuern. Ein Unterfangen, das der plötzlich einsetzende Prasselregen zusätzlich erschwerte. Zweimal musste mein Partner an Deck, um das Segel richtig festzumachen. Ich zitterte und bebte und wusste nicht, ob es an der kalten Nässe oder der Kraftanstrengung lag, die die Aktion erforderte. Nach nervenaufreibenden Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, war es geschafft: das Segel war gerefft.

Damit war unser Abenteuer aber nicht zu Ende. „Was raucht hier so?”, riss mich T.A. Erneut aus der Bahn. In der Hektik hatte ich nicht bemerkt, dass der Motor offenbar überhitzt war. Ich hätte es aber ohnehin mit meinen vom Regen beschlagenen Brillen nicht gesehen. T.A. schaltete den Motor ab und prüfte, ob die Wasserpumoe funktionierte. Fehlanzeige. Wir versuchten es erneut, doch der prompt einsetzende Qualm war die einziges Reaktion. Mist.

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„Coastguard?“, ich hätte nicht gedacht, dass mein Einwurf in T.A.s Ohren Anklang fände. „Yap“, antwortete er überraschend (und überraschend schnell) und griff zum Funkgerät. Es war eine Entscheidung zugunsten unserer Sicherheit: Schlechtwetter war für die nächsten Tage angekündigt und ohne Motor konnten wir unmöglich die 20 Seemeilen bis nach New Plymouth vor Einbruch der Dunkelheit schaffen und in den uns unbekannten Hafen segeln.

Eine Stunde später hingen wir bereits am Powerboot der Küstenwache, das uns die rund 25 Seemeilen nach Port Taranaki/ New Plymouth schleppte. Es waren 5 Stunden, die es in sich hatten: Im Schlepptau des Motorboots wurde unsere kleine Kahu mit rasender Geschwindigkeit über die Wellen gezogen, alle fünf Minuten von Wasserwogen getroffen .. und wir konnten nichts tun. „Die Küstenwache besteht aus Freiwilligen, die meist nicht wissen, wie sie mit Segelyachten umgehen sollen“, fasste eine Cruiser-Bekanntschaft später zusammen und brachte auch unsere Erfahrung auf den Punkt. Umso erleichterter waren wir, als wir und Kahu sicher und unbeschädigt fünf Stunden später – um Mitternacht- an einer Mooring-Boye im Hafen hängten.

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Vier Tage später hatten wir nicht nur unseren Motor repariert, Kahu getrocknet und seetauglich gemacht, sondern waren auch schon wieder am Ozean. Reicher an Erfahrungen und Geschichten wie diese von dem Tag, an dem wir von der Küstenwache abgeschleppt werden mussten…

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